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Der Integrative Charakter der Tanzoper “Schau nicht zurück, Orfeo!”

Ein Interview mit dem Komponisten Stefan Hakenberg

 

Welche musikalischen Einflüsse und Instrumente aus nicht-europäischen Ländern beziehen Sie in die Komposition der Oper „Schau nicht zurück, Orfeo“ mit ein?

 

Ich denke bei musikalischen Einflüssen meist weniger an Länder als Ursprung, sondern an spezifische Kulturen, welche die Spieler der Instrumente und die Sänger in die Interpretation eines Werkes mit einbringen. Um zu demonstrieren, was ich meine, liste ich einfach die verwendeten Instrumente auf und kommentiere sie hinsichtlich des musikalischen Einflusses, den sie einbringen.

 

Gesang

  • Orfeo Belcanto und griechische Volksmusik

  • Euridike, Amor, Solistenquartett Belcanto

  • Tänzer unausgebildete Kinder- und Jugendstimmen

 

Instrumente

  • Streicher westliche klassische Musik

  • Querflöte westliche zeitgenössische Musik (Neue Musik)
    der Rolles des Pan zugeordnet

  • Oboe d'Amore Barockmusik, Bach

  • Bassklarinette westliche zeitgenössische Musik (Neue Musik), französische Blasmusik

  • Posaunen cantus firmus, Dixieland, Bigband

  • Korean Percussion samulnori1

  • E-Gitarre  Rockmusik, elektronische Klangmodifikation

  • Koto2 Japanische traditionelle Musik, Sawai School3

  • Kanun4 klassische türkische Musik, Balkan, Cimbalom5

  • Ud/Oud6 klassische türkische Musik, Lautenmusik, Taksim7
    der Rolle des Orpheus zugeordnet

 

 

Welche rhythmischen Strukturen und melodischen Einflüsse oder Zitate aus fremden Musiktraditionen finden sich in der Partitur?

 

Die Sänger und Instrumentalisten, für die meine Partitur geschrieben wird, haben alle unter-schiedliche Literatur studiert, und ihre Instrumente haben verschiedene Ursprünge, die zu ihrem spezifischen Klang geführt haben. Sie sind so alle Ausdrücke verschiedener Kulturen und ver-schiedene Kulturen reflektieren sich in ihrem Klang und in ihren Spieltechniken. Sie leben in einem dichten Gewebe kultureller Wechselwirkungen.

 

Die Herausforderung für mich beim Komponieren für dieses Ensemble ist es, die Zusammen-spielmöglichkeiten dieser Instrumente zu untersuchen und Ihnen einzeln adäquate Ausdrucks-räume in der Partitur zu schaffen, so dass am Ende eine zusammenhängende Komposition entsteht, in der alle Instrumente unersetzlich Platz gefunden haben.

 

Mit welchen Problemen der Komponist einer solchen Kulturen übergreifenden Komposition sich konfrontiert sieht, erläutere ich an einem Beispiel. Bereits das Verständnis und die Interpretation dessen, was eine Note ist, sind von Instrument zu Instrument äußerst unterschiedlich. So kommen etwa

Ø  die Koto aus einer pentatonischen Tradition,

Ø  die westlichen Instrumente entweder aus diatonischen Traditionen mit unterschiedlichen Interpretation der Tonhöhen in Abhängigkeit von ihrer harmonischen Funktion, oder

Ø  aus einer temperierten zwölftönigen Tradition und

Ø  die türkischen Instrumente aus einer Tradition, welche die Oktave in 24 Töne unterteilt.

 

Damit hängt zusammen, dass etwa in der Interpretation von traditioneller Koto-Literatur die einzelnen Töne stark auch in ihrer Tonhöhe moduliert werden. Das Vibrato eines Koto-Spielers ist typischerweise viel größer als das eines Geigers oder das eines Belcanto-Sängers. Die kleinen Intervalle in türkischer klassischer Musik lassen kaum Platz für eine Inflektion im Sinne eines Vibratos. Stattdessen ist die türkische klassische Musik bestimmt von Ornamenten, die
es in traditioneller japanischer Musik so gut wie gar nicht gibt. Das muss beim Komponieren
berücksichtigt bzw. genutzt werden und ist ein Beispiel dafür, wie jedes Instrument und sein Spieler/ seine Spielerin Einfluss haben auf meine Komposition. Mir ist es dabei wichtig so zu komponieren, dass beim Zusammenspiel möglichst viel vom ursprünglichen Charakter des Instrumentes erhalten bleibt, während es sich in meinen persönlichen interkulturellen Zusammenhang einbringt.

 

Gibt es eines unter Ihren bisherigen Werken, das kann einen Eindruck vermittelt kann, wie in etwa die Musik von „Schau nicht zurück, Orfeo“ klingen wird?

 

Viele meiner Komposition der letzten 10 Jahre stehen in einem solchen interkulturellen Zusammenhang und sind in diesem Sinne integrative Kompositionen. Auf meiner Website gibt es unter dem Link <http://stefanhakenberg.com/audio/audio.html> das Stück “Sir Donald” für die koreanische Trommel changgu, die koreanische Zither kayagûm und Cello.

 

Weitere Aufnahmen meiner integrativen Kompositionen kann ich nach Möglichkeit auf Anfrage persönlich zur Verfügung stellen. Die in Frage kommenden Kompositionen finden Sie auf einer Liste im Anschluss an den Text.

 

 

Erklärungen

 

1 Samulnori heißt aus dem Koreanischen wörtlich übersetzt "Spiel der vier Dinge" und ist aus der traditionellen Musik der Landbevölkerung hervorgegangen. Das Genre entwickelte sich seit den späten 70er Jahren in Südkorea. Samulnori entnimmt der Bauernmusik traditionelle rhythmische Strukturen und Instrumentierung und entwickelt diese für die modernen Bühnen technisch weiter. Typischerweise sind vier Instrumente vorhanden: Kkwenggari (kleiner Gong), Jing (großer Gong), Changgo (Sanduhrtrommel), Buk (Fasstrommel). Diese vier Instrumente symbolisieren die vier Wetterelemente Blitz, Wind, Regen und Wolken.

 

2 Koto: Japanische Zither

 

3 Sawai School – zeitgenössische Koto Musik in Japan, entstanden an der Sawai Koto School

 

4 Kanun: orientalische Zither

 

5 Cimbalom: orientalisches, Zither-ähnliches Saiteninstrument

 

6 Kurzhalslaute aus dem Mittelmeerraum bzw. dem Nahen Osten.

 

7 Taksim werden in der orientalischen Musik Improvisationsstücke genannt, die einem Lied vom Sänger oder einem erfahrenen Solisten des Orchesters hinzugefügt werden. Ein Taksim wird immer nur von einer Person ausgeführt, meistens sind es die Spieler eines der klassischen Instrumente der türkischen Palast-Musik, wie z. B. Ud, Kanun, Tanbur, Ney und Darbuka, oder von einem Instrument, das in der Lage ist, die feinen Teiltöne (koma) der türkischen Klassik zu erzeugen. Er kann aber auch von einem Sänger ausgeführt werden.

 

 

RELEVANTE KOMPOSITIONEN

 

 

Moments in Human Life

2008

for koto, kayagum, Korean percussion, guzheng, and string quartet

(-) World premiere: 2009, Juneau Arts & Culture Center, CrossSound, Juneau, Alaska; UnitedBerlin and IIIZ+.

 

Anchorage Dances

2006

for flute, contra bass, cauyaq, mandolin, and kayagum

(-) World premiere: 2006, Valley Performing Arts, Wasilla, Alaska; Laura Koenig (flute), Saitoh Tetsu (bass), Stefan Hakenberg (cauyaq), Dimitris Marinos (mandolin), Jocelyn Clark (kayagum), Stewart Emerson (cond.)

 

Gunakadeit

2006

a new play with music, freely adapted after John Katishan's story The Origin of the Gunakadeit.

Text by Ishmael Hope, music by Stefan Hakenberg and songs by Mary Hagen

for 4 actors / musicians (voices, percussions, Native American flute, cello)

(-) World premiere concert performance: 2006, Resurrection Lutheran Church, Juneau, Alaska; with Alan Hayes, Ishmael Hope, Lily Hudson, Victoria Johnson.

(-) World premiere stage performance: 2006, Smithsonian National Museum of the American Indian, Discovery Theater, Washington, D.C.; with Mary Hagen, Ishmael Hope, Lily Hudson, Jake Waid; Jim Simard, producer.

 

Klanott and the Land Otter People

2005

a Southeast Alaskan p'ansori in a prolog and five scenes based on a story by Brett Dillingham with a libretto by Chan Eung Park

for p'ansori singer, 3 vln, cl, bcl, hn, timp, gzh (a version for mezzo-soprano is also available)

(-) World premiere: 2005, Sheet'ka Kwaan Naa Kahidi Sitka Alaska, Chan Eung Park, p'ansori singer and The CrossSound Sinfonietta, cond. Todd Hunt

 

It Lightens, It Brightens . . .               

2003

for bass recorder, kayagum, bass koto, and cello

(-) World premiere: 2003, Opernhaus Nürnberg, Foyer; Nürnberg/Germany; Jeremias Schwarzer (recorder), Jocelyn Clark (kayagum), Makiko Goto (koto), Volker Blumenthaler (cello)

 

Characters from Stroller White's Goldrush Days       

2003/2004

for two Highland bagpipes and snare drum (also: version for two or more (amplified) soprano saxophones, snare drum, and (amplified) drone)

(-) World premieres of Gussie LaMore and Nosey: 2003, Northern Lights United Church, Juneau/Alaska; William Todd Hunt, Jeremy Brandt-Young (soprano saxes), David Sheakley (snare drums), Shoshannah Seligman (hurdygurdy)

(-) World premiere of Hot Cake Kid: 2004, Pony Bar, Melbourne, Victoria; re-sound

(-) Australian premiere of Gussie LaMore and Nosey: 2004, Pony Bar, Melbourne, Victoria; re-sound

 

Der Nachmittag eines Gärtners          

2002

for erhu, cello, recorder, accordion, kayagum, and marimba

(-) First production: 2002, Tonmeister Tim Birkner for Bayerischer Rundfunk, Liu Jing (erhu), Volker Blumenthaler (cello), Jeremias Schwarzer (recorder), Claudia Buder (accordion), Jocelyn Clark (kayagum), Slawomir Mscisz (marimba), cond.: Stefan Hakenberg

(-) First Broadcast: 2008, Bavarian Radio Channel 2; recording of first production

 

In diesem Zusammenhang

1998

für Sopran und Bariton, Sprecher, zwei konzertierende guqin und Kammerensemble

montiert unter Verwendung von klassischen guqin-Stücken und von Gustav Mahlers “Das Lied von der Erde”.

Texte zusamengestellt aus Gedichten Li Bais und aus Hans Bethges Nachdichtungen chinesischer Lyrik.

soprano, bariton - Peking Opera singer - 2 guquin - fl, ob, clr, bsn, perc, pno, mand, git, hrp, vln, vla, vcl, dbs

(-) World premiere: 1998, Heidelberg, Germany; Brigitte Geller (sopr), Werner Volker Meyer (bar), Chen Shizheng (Peking Opera singer), Dai Xiaolian and Cheng Gongliang (qin), Reimund Korupp (vcl), Heidelberg Philharmonic, Thomas Kalb (cond.)

(-) First broadcast of Bootsfahrt durch die Wolken and jing ye si: 1998, Hessischer Rundfunk, Frankfurt, Germany, recordings of the world premiere performance.

 

Three Zithers and a Pair of Scissors

1998

five montages for koto, kayagum and changgu, and guzheng

(-) World premiere: 1998, Harvard University, Cambridge/Massachusetts; IIIZ+

(-) First broadcast: 2000, Raven Radio KCAW-FM, Sitka/Alaska; IIIZ+, recording of the premiere performance

(-) European premiere: 2001, Akademie für Tonkunst, Darmstadt/Germany; IIIZ+

(-) Belgian premiere: 2004, Zuiderspershuis Wereldculturencentrum, Antwerpen; IIIZ+

(-) French premiere: 2004, La Mounede - Maison des Racines du Monde, Toulouse; IIIZ+

(-) Dutch premiere: 2004, RASA Wereldculturencentrum, Utrecht; IIIZ+

(-) First German broadcast: 2006, WDR3, Cologne; IIIZ+, recording of a performance at the Japanisches Kulturinstitut Köln

(-) Asian premiere: 2007, Tainan National University of the Arts, Tainan, Taiwan; IIIZ+

(-) Japanese premiere: 2007, Barocksaal, Aoyama Memorial Music Hall, Kyoto: IIIZ+

 

Strands                       

1997                

two movements for trombone and koto              

I. Calm / II. Vivid                     

(-) World premiere: 1997, Duxbury/Massachusetts; Russell Jewell (trombone), Jocelyn Clark (koto)

(-) first broadcast: 2000, KTOO-FM, Juneau/Alaska recording produced by Stefan Hakenberg made at Rock Hill Studio, Medford/Massachusetts with Russell Jewell (trombone) and Masayo Ishigure (koto)

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