¬ zurück zur Übersicht

 

Immigration als Inspiration

Eine Oper als Gesellschaftsmodell

 

Das Opernprojekt „Schau nicht zurück, Orfeo!“ der akademie: der steg mit Schülern der Metropolregion Nürnberg und professionellen Künstlern ist weit mehr, als es zuerst den Anschein hat. Schul-Opern-Projekte gibt es viele und die kreative Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in künstlerische Prozesse ist schon lange nichts neues mehr. Was die Tanzoper „Schau nicht zurück, Orfeo!“ von den bisher Bekanntem unterscheidet, ist das Konzept von Integration in einer sozial und künstlerisch umfassenden Bedeutung.

 

Ein Schwerpunkt ist die gesellschaftliche Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die durch die Förderung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) offiziell gewürdigt wird, denn in dem Tanzoper-Projekt spiegelt sich die aktuelle gesellschaftliche Realität in Deutschland. Es zeigt, dass Deutschland längst ein Immigrationsland ist, doch statt der üblichen Problematisierung des Themas führt es die positiven Aspekte diese Entwicklung vor Augen.

 

Im Bereich von darstellender Kunst und Musik ist das zusammen Leben und Arbeiten von Menschen unterschiedlichster Herkunft mittlerweile Normalität. Das Orfeo-Projekt weitet diese „Normalität“ auf die beteiligten Schulen aus und führt die kulturellen Lebenshintergründe der Künstler, der Studierenden der Hochschule für Musik Nürnberg und der Schüler in einem modellhaften Projektteam zusammen.

 

Über diesen konkret sozial-didaktischen Aspekt hinaus realisiert das Nürnberger Orfeo-Projekt einen völlig neuen Ansatz von Integration in der Kunst: Die Musik selbst lebt durch und von dieser im umfassendsten Sinne. Ausgangspunkt der neuen Komposition ist die Oper „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck von 1762. Für „Schau nicht zurück, Orfeo!“ greift der Komponist Elemente aus Glucks Oper auf und „verwandelt“ diese in heutige, zeitgemäße Musik – mit ungewöhnlicher Instrumentation und innovativen Kompositionstechniken. Dabei verwendet er auch die Resultate aus Kompositionsworkshops mit Haupt- und Realschülern, zum Großteil mit Migrationshintergrund. Die Orchestrierung und das musikalische Material leben von starken Einflüssen aus Migrations-Ländern, im Orchester kommen z.B. türkische, japanische sowie koreanische Instrumente zum Einsatz, genau so wie moderne und historische oder Instrumente der E- und U-Musik. In der Komposition findet sich die Koexistenz von Hoch- und Volkskultur durch die Verwendung von Volksweisen sowie von fremden Tonsystemen und Notationsarten. Die außereuropäischen Instrumente werden von in Deutschland lebenden Musikern aus dem jeweiligen Ursprungsland gespielt.


Nur in dieser außergewöhnlichen Konzeption und Besetzung kann heute der zeit- und kulturübergreifenden Bedeutung der Orpheus-Sage sowie der kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft Rechnung getragen werden. Auch das mehrsprachige Libretto von „Schau nicht zurück, Orfeo!“ ist geprägt vom Einfluss verschiedener Lebensrealitäten. Hierfür wurden Ergebnisse aus Workshops mit Schülern unterschiedlichster Herkunft, in denen sie eine persönliche Sichtweise und Bedeutung der antiken Erzählung erarbeiteten, inhaltlich und sprachlich integriert.

 

Die künstlerische und soziale Herausforderung bzw. Bedeutung des Orfeo-Projektes ist es, all diese unterschiedlichen Komponenten zu einem Ganzen zu formen, das einheitlich und zugleich höchst differenziert ein Spiegel des Hier und Heute ist. Die Oper rückt weg von der Hochkultur, in eine andere, noch nicht definierte Form, quasi eine neue Form der „Alltagskultur“, die einen wesentlich umfassenderen Rezeptionsanspruch hat als es der Begriff Oper gemeinhin vermittelt.

 

Aus musikwissenschaftlicher Sicht ist die Opern-Neukomposition qualitativ eine Bereicherung der vorhandenen Opernliteratur. Wirkungsästhetisch führt sie dazu, mehr zu hören, zu einer Sensibilisierung für musikalische Klangmöglichkeiten, zur Wertschätzung des bisher Fremden als bereicherndem Bestandteil des Lebens und letztendlich zu einem veränderten Bewusstsein gegenüber der eigenen Realität.

  Impressum